Die Zukunft ist uns nicht deshalb verborgen, weil sie noch nicht existiert. Die Gegenwart ist bloss zu gross, um sie vollständig zu lesen.
Stell dir vor, wir könnten für einen einzigen Augenblick den gesamten Zustand der Welt erfassen. Nicht ungefähr, nicht in jener groben Annäherung, mit der wir Temperaturen messen, Verkehrsströme beobachten oder die Bahnen einiger Himmelskörper berechnen. Wir wüssten, wo sich jedes Teilchen befindet, wie es sich bewegt, welche Kräfte auf es wirken und in welchem Zustand es sich befindet. Von den Molekülen der Atmosphäre bis zu den elektrischen Vorgängen in deinem Gehirn bliebe nichts verborgen.
Die Welt würde für diesen einen Augenblick durchsichtig.
Der vollständige Augenblick
Im Kleinen versuchen wir längst, die Gegenwart auf diese Weise zu lesen. Wir berechnen, wo sich ein Planet in hundert Jahren befinden wird. Aus Geschwindigkeit, Richtung und einwirkenden Kräften bestimmen wir, wo ein geworfener Gegenstand landet. Wir sagen voraus, wie sich ein technisches System unter bestimmten Bedingungen verhalten wird. Und wir versuchen, das Wetter zu berechnen, indem wir Temperatur, Luftdruck, Feuchtigkeit, Wind, Strömungen und zahllose weitere Grössen messen.
Je vollständiger wir den gegenwärtigen Zustand der Atmosphäre kennen, desto besser können unsere Modelle abschätzen, was aus ihm hervorgehen wird.
Dass am Nachmittag über einem bestimmten Landstrich Regen fällt, ist keine spontane Laune des Himmels. Der Regen ist das sichtbare Ende einer unsichtbaren Vorgeschichte. Luft wurde erwärmt, Feuchtigkeit stieg auf, Druckgebiete verschoben sich, Strömungen trafen aufeinander. Eine winzige Veränderung setzte weitere Veränderungen in Gang, bis aus einer Abweichung, die kaum messbar war, ein Ereignis wurde, unter dem Stunden später Menschen ihre Regenschirme öffneten.
Das Wetter erscheint uns unberechenbar, weil es ungeheuer komplex ist. In einem chaotischen System können kleinste Unterschiede der Ausgangslage zu vollkommen anderen Ergebnissen führen. Seine Unberechenbarkeit beweist deshalb nicht, dass es keine Ursachen besitzt. Sie beweist zunächst nur, dass unsere Kenntnis dieser Ursachen begrenzt ist.
Das Dreikörperproblem macht diesen Unterschied anschaulich. Die Bewegung zweier Körper unter ihrer gegenseitigen Gravitation lässt sich noch in einer geschlossenen Bahn beschreiben. Kommt ein dritter hinzu, beeinflussen sich alle drei fortlaufend gegenseitig. Für den allgemeinen Fall gibt es keine einfache analytische Lösung mehr. Bestimmte Verläufe lassen sich numerisch berechnen, doch kleinste Abweichungen im Ausgangszustand können die Bahnen mit der Zeit weit auseinanderführen.
Die Naturgesetze werden dadurch nicht unbestimmt. Für einen bestimmten vollständigen Ausgangszustand entsteht weiterhin nur ein Verlauf. Chaostheorie bezeichnet in diesem Zusammenhang kein Geschehen ohne Ursachen, sondern ein deterministisches System, dessen Zukunft unserer praktischen Vorhersage entgleitet. Je weiter wir rechnen wollen, desto genauer müssten wir den gegenwärtigen Zustand bereits kennen.
Der Himmel ist nicht frei. Wir sind bloss schlechte Leser seiner Gegenwart.
Nun vergrössern wir das Gedankenexperiment, bis nichts mehr ausserhalb davon liegt.
Nun erfassen wir nicht nur sämtliche Wetterdaten, sondern sämtliche Daten des Universums: jede Position, jede Bewegung, jeden Zustand und jede Wechselwirkung. Nichts tritt ausserhalb seiner Bedingungen auf. Aus jedem Zustand folgt aufgrund der Naturgesetze eindeutig der nächste.
Die Gegenwart ist keine zufällige Versammlung von Dingen, die gerade so und ebenso gut anders sein könnten. Sie ist das Ergebnis der unmittelbar vorhergehenden Gegenwart. Diese wiederum ist aus dem Augenblick davor hervorgegangen. Jeder Zustand der Welt ist Wirkung eines früheren Zustands und zugleich Ursache des nächsten.
Die Vergangenheit ist niemals wirklich verschwunden. Sie hat lediglich ihre Form verändert.
Anfang des 19. Jahrhunderts entwarf der französische Mathematiker Pierre-Simon Laplace für diese Vorstellung eine hypothetische Intelligenz. Sie sollte zu einem bestimmten Zeitpunkt sämtliche Kräfte und Zustände der Natur kennen und mächtig genug sein, sie vollständig zu berechnen. Für eine solche Intelligenz lägen Vergangenheit und Zukunft gleichermassen offen. Sie könnte rekonstruieren, was geschehen war, und vorhersehen, was geschehen würde.
Später erhielt sie einen Namen: Laplaces Dämon.
Solange dieser Dämon die Bahnen von Planeten, die Bewegung von Billardkugeln und den Fall von Regentropfen berechnet, wirkt er wie eine etwas übertriebene Rechenmaschine. Seine eigentliche Ungeheuerlichkeit zeigt sich erst, wenn man ihm erlaubt, auch den Menschen zu betrachten.
Denn sein Blick würde nicht an unserer Schädeldecke enden.
Eine Kette, die durch uns führt
Dein Gehirn befindet sich nicht ausserhalb des Universums. Der menschliche Schädel ist kein Grenzposten, an dem die Kausalität ihre Zuständigkeit verliert. Ein Gedanke ist keine Lücke in den Naturgesetzen.
Während du diesen Text liest, treffen Lichtreize auf deine Netzhaut. Nervenzellen verändern ihre Aktivität. Wörter rufen Erinnerungen hervor, Erinnerungen wecken Assoziationen, und diese beeinflussen, welchen Gedanken du als Nächstes denkst. Vielleicht stimmst du einem Satz zu. Vielleicht widersprichst du ihm. Vielleicht bemerkst du, dass du längst nicht mehr über Physik nachdenkst, sondern über eine Entscheidung, die du vor Jahren getroffen hast.
All das fühlt sich nach einem inneren Vorgang an, weil es einer ist. Doch «innerlich» bedeutet nicht «ursachenlos». Während du glaubst, frei über eine Idee nachzudenken, vollzieht sich ein physischer Prozess, dessen gegenwärtiger Zustand aus früheren Zuständen hervorgegangen ist.
Damit führt die Kausalkette nicht nur durch Sterne, Ozeane und Wetterfronten. Sie führt durch dich.
Wenn der Zustand deines Gehirns um 16.00 Uhr vollständig aus seinem Zustand um 15.59.59 Uhr und den in dieser Sekunde auf ihn einwirkenden Ursachen hervorgegangen ist, gilt dasselbe für 15.59.59 Uhr. Und für die Sekunde davor. Die Kette lässt sich zurückverfolgen: zu dem Gespräch, das deine Stimmung veränderte; zu Erfahrungen, die deine Überzeugungen prägten; zu deiner Erziehung und deiner genetischen Ausstattung; zu den Umständen deiner Geburt; zu deinen Eltern und deren Vorgeschichte.
An keiner Stelle begegnet uns ein Mensch, der sich selbst am Anfang seiner eigenen Geschichte erschaffen hätte.
Du hast nicht gewählt, mit welchem Gehirn du geboren wurdest. Du hast deine ersten Erfahrungen nicht ausgesucht. Du hast nicht bestimmt, welche Dinge dir Angst machen sollten, lange bevor du überhaupt verstehen konntest, was Angst ist. Du hast dir weder die Sprache gegeben, in der du später über dich nachdenken würdest, noch die ersten Massstäbe, mit denen du dich beurteilst.
Vielleicht hast du dich später gegen vieles davon aufgelehnt. Vielleicht hast du deine Herkunft überwunden, deine Gewohnheiten verändert und dich bewusst zu einem anderen Menschen gemacht. Doch auch dafür brauchtest du etwas: eine bestimmte Widerstandskraft, einen Gedanken, eine Begegnung, ein Vorbild, eine Demütigung, eine Hoffnung oder schlicht den richtigen Satz im richtigen Augenblick.
Der Mensch kann sich verändern. Aber selbst das Werkzeug, mit dem er sich verändert, muss irgendwoher gekommen sein.
Die Freiheit unter identischen Bedingungen
An diesem Punkt beginnt eine physikalische Vorstellung, unser Selbstbild anzugreifen.
Wir erleben Entscheidungen selbstverständlich als unsere Entscheidungen. Heute Abend könnte ich zu Hause bleiben oder ausgehen. Ich kann nach links gehen oder nach rechts. Ich kann diesen Text weiterlesen oder ihn schliessen. Vor meinem inneren Auge liegen mehrere Zukünfte, und jede von ihnen scheint darauf zu warten, von mir gewählt zu werden.
In diesem Universum gibt es zu jedem Zeitpunkt nur eine Zukunft, die aus dem vollständigen vorherigen Zustand tatsächlich hervorgehen kann.
Die anderen Möglichkeiten wären nicht bedeutungslos. Sie existierten als Vorstellungen, Vergleiche und innere Modelle. Das Gehirn müsste verschiedene Handlungen simulieren, um jene hervorzubringen, die am Ende geschieht. Doch daraus folgt noch nicht, dass unter vollkommen identischen Bedingungen auch eine andere Entscheidung möglich gewesen wäre.
Nehmen wir einen Menschen in einem bestimmten Augenblick und setzen das gesamte Universum exakt auf denselben Zustand zurück. Dasselbe Gehirn. Dieselben Erinnerungen. Dieselben Hormone. Dieselbe Müdigkeit. Dieselben Menschen im Raum und dieselben Worte, die eben gefallen sind. Derselbe Luftzug, dieselben Photonen, dieselben neuronalen Zustände.
Dann lassen wir die Zeit erneut laufen.
Woher sollte die andere Entscheidung kommen?
Geschähe diesmal etwas anderes, obwohl wirklich sämtliche Bedingungen identisch wären, müsste eine Abweichung auftreten, die nicht aus dem vorherigen Zustand hervorgegangen ist. Die Quantenmechanik kennt solche Unbestimmtheit. Doch selbst echter Zufall wäre noch kein freier Wille. Wenn ein Quanteneffekt darüber entscheidet, ob ich A oder B tue, werde ich dadurch nicht zum metaphysischen Urheber meiner Handlung.
Auch ein geworfener Würfel besitzt mehrere mögliche Ergebnisse, aber er entscheidet sich für keines davon. Welche Seite oben liegt, folgt aus seiner Ausgangslage, der Kraft und Richtung des Wurfs, seiner Rotation, der Luft, der Tischoberfläche und jeder Kollision. Wir nennen das Ergebnis zufällig, weil wir diese Bedingungen weder vollständig erfassen noch schnell genug berechnen. Unter vollkommen identischen Bedingungen fiele der Würfel wieder gleich. Niemand hält ihn deshalb für frei.
Wir hätten die Kausalität lediglich um Zufall ergänzt.
Man kann Freiheit bescheidener verstehen: als die Fähigkeit, nach den eigenen Gründen, Wünschen und Überzeugungen zu handeln, ohne von einem anderen Menschen gezwungen zu werden. Eine solche Freiheit besteht auch in einer deterministischen Welt. Doch sie macht den Menschen nicht zum ursprünglichen Schöpfer seiner Gründe, Wünsche und Überzeugungen.
Die Entscheidung wäre noch immer seine Entscheidung. Nur er selbst wäre nicht sein eigenes Werk.
Der Beobachter gehört zum Experiment
Die Quantenmechanik schien der alten Vorstellung vom Universum als gigantischem Uhrwerk zunächst eine Hintertür zu öffnen. Auf fundamentaler Ebene treten Messergebnisse mit einer Unbestimmtheit auf, die sich nicht einfach wie eine unbekannte Wetterlage behandeln lässt. Das Universum wirkte plötzlich weniger wie ein fertiger Ablauf und mehr wie ein Raum physikalischer Möglichkeiten.
Auch die Informatik kennt einen Zufall, der bei näherem Hinsehen verschwindet.
Ein Würfel auf einem Bildschirm wird nicht geworfen. Das Programm berechnet eine Zahl zwischen eins und sechs und zeigt dazu die passende Seite oder Animation. Was wie Zufall aussieht, ist gewöhnlich das Ergebnis eines Algorithmus, der mit einem Ausgangswert beginnt, dem sogenannten Seed. Derselbe Algorithmus erzeugt mit demselben Seed dieselbe Folge. Der digitale Würfel kann für uns unvorhersehbar wirken, obwohl sein nächstes Ergebnis aus seinem inneren Zustand folgt.
Solche Pseudozufallszahlen genügen für Spiele, Simulationen und viele alltägliche Aufgaben. Für die Kryptografie reicht es nicht, dass eine Folge nur zufällig aussieht. Ein Angreifer darf sie auch dann nicht vorhersagen können, wenn er das verwendete Verfahren kennt.
Weil diese berechnete Unordnung für die Verschlüsselung allein nicht genügt, holen Computersysteme die Unvorhersehbarkeit aus der physischen Welt. Cloudflare hat diesem Problem eine beinahe poetische Gestalt gegeben: Im Hauptsitz des Unternehmens steht eine Wand aus Lavalampen. Eine Kamera beobachtet, wie erwärmtes Wachs aufsteigt, zerfliesst, sich teilt und wieder absinkt. Die ständig wechselnden Bilder werden als zusätzliche Entropie in das System LavaRand eingespeist.
Für die Kryptografie muss das Wachs nicht frei sein. Es genügt, dass kein Angreifer seinen nächsten Zustand kennt.
Der Superdeterminismus würde jedoch auch in dieser Wand keine Quelle ursachenlosen Zufalls erkennen. Heizspirale, Wachs, Raumtemperatur, Kamera und Computer gehörten noch immer zur selben Kausalkette. Laplaces Dämon müsste die nächste Form in der Lampe nicht erraten. Er würde sie berechnen.
Die Informatik führt uns damit eine grundlegende Verwechslung vor Augen: Unvorhersagbarkeit ist nicht dasselbe wie Ursachenlosigkeit. Eine Zahlenfolge kann vollkommen zufällig erscheinen und dennoch aus einem bestimmten Anfangszustand hervorgegangen sein.
Superdeterministische Ansätze schliessen auch diese Hintertür. Sie stellen eine Annahme infrage, auf der ein Teil unserer experimentellen Deutung beruht.
Bei Experimenten zu den Bellschen Ungleichungen wird gewöhnlich vorausgesetzt, dass die Wahl der Messeinstellungen statistisch unabhängig von jenen verborgenen Eigenschaften ist, die das Ergebnis der Messung bestimmen könnten. Der Experimentator soll frei wählen können, was er misst. «Frei» bezeichnet hier zunächst keinen moralischen Triumph des Menschen, sondern eine statistische Unabhängigkeit.
Der Superdeterminismus bezweifelt diese Trennung.
Der Wissenschaftler, der entscheidet, welchen Knopf er drückt, besteht aus derselben Welt wie das Teilchen, das er untersucht. Der Zufallsgenerator, der ihm die Entscheidung abnehmen soll, ebenfalls. Selbst wenn er das Licht eines Milliarden Jahre entfernten Quasars verwendet, um seine Messeinstellung festzulegen, gehören Quasar, Messgerät, Gehirn und Teilchen zur selben Geschichte des Universums.
Der Experimentator betrachtet das System nicht von aussen. Er ist ein Vorgang innerhalb dessen, was er zu untersuchen versucht.
Das bedeutet nicht, dass das Universum heimlich eine Verschwörung gegen seine Physiker organisiert. Es muss keine Teilchen geben, die im Voraus wissen, welchen Knopf ein Mensch später drücken wird. Knopf, Mensch und Teilchen besitzen keine voneinander unabhängigen Geschichten. Was im Experiment getrennt erscheint, ist in einer gemeinsamen Vergangenheit miteinander verbunden.
Jeder Versuch, den Experimentator freier zu machen, fügt dem Experiment lediglich einen weiteren Teil der Natur hinzu. Ein Münzwurf besteht aus Natur. Ein Computer besteht aus Natur. Ein Quasar besteht aus Natur. Der Mensch kann die Kausalkette verlängern, verschachteln und bis an den Rand des sichtbaren Universums zurückverlegen.
Er kann sie nicht verlassen.
Es gibt keinen Beobachter ausserhalb des Systems.
Schuld ohne ersten Urheber
Überträgt man diesen Gedanken vom Labor auf das menschliche Zusammenleben, wird aus einer physikalischen Frage eine gesellschaftliche Zumutung.
Fast unsere gesamte moralische Ordnung beruht auf einer einfachen Unterscheidung. Dinge geschehen aufgrund von Ursachen. Menschen hingegen handeln, weil sie sich entscheiden. Ein Sturm zerstört ein Haus, aber wir klagen ihn nicht an. Ein Mensch zerstört ein Haus, und plötzlich genügt die Beschreibung der Ursachen nicht mehr. Wir suchen einen Urheber.
Wir sagen: Er hätte sich anders entscheiden können.
Vielleicht meinen wir damit lediglich, dass ein anderer Mensch unter ähnlichen Umständen anders gehandelt hätte. Vielleicht meinen wir, dass eine Drohung, ein Gesetz oder eine bessere Erziehung sein Verhalten hätten verändern können. All das ist mit dem Determinismus vereinbar.
Oft meinen wir jedoch etwas Stärkeres. Wir meinen, derselbe Mensch hätte in exakt derselben Welt, mit exakt demselben Gehirn und derselben Vorgeschichte, aus sich selbst heraus eine andere Entscheidung hervorbringen können.
Damit verlangen wir von ihm etwas, das wir keinem anderen Gegenstand im Universum abverlangen: Er soll Wirkung früherer Ursachen und zugleich der erste Urheber seiner selbst sein.
Diese Vorstellung trägt Begriffe, auf denen ganze Gesellschaften errichtet wurden: Schuld, Verdienst, Leistung, Versagen und Verantwortung. Sie verschwinden nicht, wenn wir den Menschen als Teil der Kausalkette betrachten. Aber sie verlieren ihre metaphysische Bequemlichkeit.
Der erfolgreiche Mensch sagt: «Ich habe hart gearbeitet.»
Das kann vollkommen wahr sein. Doch weshalb war er ein Mensch, der hart arbeiten konnte? Woher kamen seine Disziplin, seine Intelligenz, seine Risikobereitschaft und seine psychische Widerstandskraft? Vielleicht hat er sie über Jahre entwickelt. Aber auch die Fähigkeit, sie zu entwickeln, hatte Voraussetzungen: Gene, Eltern, Vorbilder, Erfahrungen, Chancen und Zufälle seiner Biografie.
Selbst der Entschluss, aus schlechten Voraussetzungen etwas zu machen, entstand in einem Gehirn, dessen Beschaffenheit der Betroffene nicht selbst entworfen hatte.
Der Mensch arbeitet an seinem Charakter und vergisst dabei leicht, dass er bereits einen Charakter brauchte, um mit dieser Arbeit zu beginnen.
Beim Täter gilt dieselbe Logik. Dort wird sie wesentlich unangenehmer.
Seine Tat bleibt real. Der Schaden bleibt real. Wer Gewalt ausübt, wird nicht harmlos, nur weil seine Handlung Ursachen besitzt. Eine Gesellschaft muss sich schützen, Grenzen durchsetzen und weitere Taten verhindern. Doch die Begründung der Strafe verändert sich.
Vergeltung wird schwerer zu rechtfertigen, wenn niemand der ursprüngliche Autor seiner selbst sein kann. Schutz, Abschreckung, Rehabilitation und Prävention gewinnen dagegen an Bedeutung. Nicht weil sie moralisch freundlicher klingen, sondern weil sie Ursachen verändern und dadurch zukünftiges Verhalten beeinflussen.
Eine Gesellschaft kann weiterhin Verantwortung zuschreiben, ohne so zu tun, als hätte der Verantwortliche sich selbst aus dem Nichts erschaffen. Sie nimmt die Tat ernst, begrenzt den Täter und untersucht zugleich, welche Bedingungen einen Menschen hervorbrachten, der zu dieser Tat fähig war.
Verstehen wäre dann keine Entschuldigung. Es wäre der Beginn wirksamer Verantwortung.
Die Ursachen, die wir einander werden
Der Determinismus führt deshalb keineswegs zu der Schlussfolgerung, alles sei bedeutungslos, weil ohnehin alles feststehe. Das wäre Fatalismus.
Der Fatalismus behauptet, ein Ergebnis trete unabhängig davon ein, was wir tun. Der Determinismus behauptet das Gegenteil: Das Ergebnis tritt durch das ein, was wir tun.
Eine gute Schule kann das Leben eines Kindes verändern. Ein grausamer Vater ebenfalls. Ein Gesetz verändert Anreize. Eine Strafe verändert Erwartungen. Ein Gespräch kann eine Überzeugung erschüttern. Ein Buch kann einen Menschen dazu bringen, sein Leben neu auszurichten.
Wer sagt, es habe keinen Sinn, mit einem Menschen zu sprechen, weil dessen Entscheidung ohnehin verursacht sei, übersieht, dass das Gespräch selbst zu ihren Ursachen gehören kann.
Unsere Handlungen sind nicht bedeutungslos, weil sie Teil der Kausalkette sind. Sie besitzen Bedeutung, weil die Kausalkette durch sie weiterläuft.
Darin liegt die tiefste gesellschaftliche Konsequenz dieses Gedankens.
Wenn Menschen sich nicht selbst aus dem Nichts erschaffen, ist eine Gesellschaft keine blosse Ansammlung autonomer Individuen, die anschliessend nach ihren guten und schlechten Entscheidungen sortiert werden. Sie ist ein gewaltiges Geflecht gegenseitiger Beeinflussung. Jeder Mensch tritt in eine Welt ein, die bereits von anderen eingerichtet wurde, und beginnt irgendwann selbst, an den Bedingungen mitzuwirken, unter denen die Nächsten handeln werden.
Armut hat Folgen. Bildung hat Folgen. Gewalt und Anerkennung haben Folgen. Architektur, Sprache, Algorithmen, Gesetze, Familien und Institutionen formen den Raum, in dem Entscheidungen entstehen. Jede ihrer Folgen wird ihrerseits zur Ursache.
Politik wäre unter diesem Blick keine moralische Sortieranlage, die gute Menschen belohnt und schlechte bestraft. Sie wäre die Arbeit an den Bedingungen, aus denen zukünftiges Verhalten hervorgeht.
Der Gedanke nimmt dem Menschen einen Teil seiner metaphysischen Freiheit. Zugleich gibt er der Gesellschaft eine Verantwortung zurück, die sie gern an das Individuum delegiert.
Denn wenn niemand der alleinige Schöpfer seiner selbst ist, kann eine Gesellschaft nicht jede Leistung vollständig dem Erfolgreichen zuschreiben und jedes Scheitern vollständig dem Gescheiterten überlassen. Sie kann nicht jahrelang Bedingungen hervorbringen, Menschen in ihnen formen und sich anschliessend unschuldig zeigen, sobald diese Menschen handeln.
Die entscheidende Frage lautet deshalb irgendwann nicht mehr nur:
«Warum hat dieser Mensch sich so entschieden?»
Sie lautet:
«Welche Welt hat einen Menschen hervorgebracht, für den diese Entscheidung möglich wurde?»
Die tiefste Kränkung des Determinismus besteht deshalb nicht darin, dass der Mensch weniger frei ist, als er glaubt. Sie liegt in der Erkenntnis, dass er fortwährend an jener Welt mitbaut, aus der die Entscheidungen anderer hervorgehen.
Die beunruhigende Pointe lautet nicht, dass wir keine Wirkung besitzen.
Sie lautet, dass wir einander zu Ursachen werden.