Wie Homo sapiens ein System erschuf, das seine Gegner lieber beteiligt als besiegt
Der Kapitalismus ist vermutlich das erfolgreichste Misstrauensvotum, das Homo sapiens je gegen die eigene Tugend ausgesprochen hat.
Er erwartet keine Heiligen. Er braucht Wesen, die etwas wollen, etwas fürchten oder etwas besitzen, das andere wollen. Den Rest übersetzt er in Preise. Aus Hunger wird Nachfrage, aus Ehrgeiz Unternehmertum, aus Unsicherheit ein Versicherungsprodukt und aus schlechtem Gewissen eine nachhaltige Premiumlinie.
Das Verfahren ist von bestechender Nüchternheit. Menschen, die einander weder kennen noch lieben, stellen füreinander Nahrung, Medikamente, Häuser und Halbleiter her. Kein gemeinsamer Glaube ist nötig. Meist reicht eine Rechnung.
Eine Ordnung, die moralische Mittelmässigkeit in funktionierende Lieferketten verwandelt, verdient Respekt. Heiligsprechung wäre voreilig.
Der Kapitalismus hat keine Gesinnung, nur Rechenwege. Er kann ein Medikament hervorbringen, weil damit Geld zu verdienen ist, und den Zugang dazu begrenzen, weil damit noch mehr Geld zu verdienen ist. Er beschleunigt Erfindungen, industrialisiert Verschwendung, schafft Wohlstand und findet selbst für Elend ein Geschäftsmodell. Er erkennt darin keinen Widerspruch. Widersprüche sind eine menschliche Spezialität; die Bilanz kennt nur Positionen.
Seine Verteidiger halten diese Gleichgültigkeit gern für Unschuld. Seine Gegner nennen sie Bosheit. Beide schreiben einem Mechanismus Charakter zu. Der Kapitalismus plant nichts. Er verstärkt, was Homo sapiens mit Macht, Eigentum und Nachfrage versieht.
Vier Rollen, ein Portemonnaie
Homo sapiens begegnet diesem Mechanismus in mehreren Rollen, die sich gegenseitig nur flüchtig kennen.
Als Arbeitnehmer verlangt er höhere Löhne. Als Kunde verlangt er niedrigere Preise. Als Anleger verlangt er höhere Gewinne. Als Bürger verlangt er, dass Unternehmen endlich aufhören, nur auf Gewinne zu achten.
Häufig handelt es sich um denselben Menschen, manchmal sogar am selben Tag.
Zahlt ein Unternehmen mehr Lohn und erhöht dafür die Preise, empört sich der Kunde. Hält es die Preise tief und die Löhne ebenfalls, empört sich der Arbeitnehmer. Sinken die Gewinne, empört sich der Anleger. Das Unternehmen könnte allen drei Forderungen folgen, sofern es eine vierte Person findet, die sie bezahlt.
Gewöhnlich ist diese Person «die Gesellschaft».
Homo sapiens besitzt eine bemerkenswerte Vorliebe für Lösungen, deren Kosten grammatikalisch im Passiv verschwinden.
Seine Überzeugungen trägt er im Kopf. Seine Prioritäten liegen im Warenkorb. Faire Herstellung, gute Arbeitsbedingungen und langlebige Produkte bleiben ausserordentlich wichtig, solange das Vergleichsangebot nicht günstiger ist und morgen geliefert wird.
Der Kapitalismus nimmt ihm diesen Widerspruch nicht übel. Er registriert ohnehin nur den Kauf.
Worte können Märkte kritisieren. Geld kann sie bewegen. Die Kreditkarte hat deshalb in wirtschaftlichen Fragen die höhere Wahlbeteiligung.
Die Moral der Bilanz
Auch Unternehmen werden gern wie eigenständige Kreaturen behandelt. Sie «wollen», «gieren», «manipulieren» und «beuten aus», als sässe im Hauptsitz die Firma selbst und dächte böse Gedanken.
Tatsächlich ist ein Unternehmen Homo sapiens in Gruppenform, ergänzt um Organigramm, Rechtsabteilung und begrenzte Haftung. Das ist nicht zwingend beruhigender.
Die Organisationsform erlaubt vielen Menschen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, die allein keiner von ihnen getroffen haben will. Einer setzt das Ziel. Einer berechnet den Preis. Einer streicht die Stelle. Einer formuliert die Pressemitteilung. Am Ende war niemand grausam. Der Prozess war effizient.
Wenn ein Einzelner Verantwortung abgibt, nennt man es Feigheit. Wenn genügend Personen beteiligt sind, nennt man es Governance.
Gewinn ist weder Sünde noch Charakterzeugnis. Dauerhaft ohne Überschuss endet ein Unternehmen, und mit ihm Löhne, Produkte, Investitionen und gelegentlich etwas tatsächlich Nützliches. Gewinn hält eine Organisation am Leben. Er beantwortet nicht, ob ihr Leben erhaltenswert ist.
Ein Unternehmen kann profitabel sein, weil es ein grosses Problem löst. Es kann profitabel sein, weil es gelernt hat, einen Teil des Problems anderen zu überlassen. Die Bilanz erkennt den Unterschied nur, wenn jemand die Folgen als Kosten verbucht.
Was sich auslagern lässt, verschwindet aus der Rechnung. Es verschwindet nicht aus der Welt.
Der Markt fragt selten, ob etwas gut ist. Er fragt, ob jemand dafür zahlt. Wo beides zusammenfällt, wirkt er beinahe weise. Wo es auseinanderfällt, wirkt er plötzlich kalt. In beiden Fällen tut er dasselbe.
Die Wahlurne mit Depot
An der Börse erhält das Vertrauen von Homo sapiens einen Preis.
Er investiert in Unternehmen, deren Zukunft er vertraut, oder wenigstens in die Erwartung, dass andere ihr bald noch stärker vertrauen werden. Analyse, Hoffnung, Angst und Herdentrieb werden dort gemeinsam verrechnet und anschliessend «Markterwartung» genannt.
Die Börse ist eine Wahlurne, in der die Zahl der Stimmen vom Vermögen abhängt. Wer hundert Franken investiert, äussert Vertrauen. Wer hundert Millionen investiert, erzeugt welches.
Kapital könnte zu jenen Unternehmen fliessen, die der Gesellschaft den grössten Nutzen versprechen. Es könnte gute Arbeitsbedingungen, langfristige Produkte, medizinische Forschung oder ressourcenschonende Technologien belohnen. Manchmal tut es das sogar.
Homo sapiens erwartet nur ungern, dass diese moralische Orientierung seine Rendite mindert.
Er möchte Ethik als kostenlose Zusatzleistung.
Das Unternehmen soll verantwortungsvoll handeln, der Fonds soll den Markt schlagen und die Altersvorsorge darf unter keinen Umständen unter den Prinzipien leiden. Nachhaltigkeit betrifft die Zukunft aller. Die Rendite betrifft seine.
So stimmt der Mensch mit Worten über die Gesellschaft ab, die er sich wünscht, und mit Kapital über jene, die er finanziert. Die zweite Abstimmung wird häufiger umgesetzt.
Die eleganteste Gegenrevolution
Wer dieses System allein verändern möchte, stösst auf ein unangenehmes Problem: Einfluss kostet.
Moralische Klarheit kann überzeugen. Kapital kann gründen, kaufen, finanzieren und abstimmen. Wer bestimmen möchte, welche Ideen wachsen, welche Unternehmen überleben und welche Ziele sich gegen kurzfristige Rendite behaupten dürfen, braucht Zugriff auf Ressourcen.
Der entschlossene Gegner des Kapitalismus muss deshalb zunächst lernen, darin erfolgreich zu sein.
Er gründet ein Unternehmen, gewinnt Kunden, schafft Arbeitsplätze, akkumuliert Eigentum und erwirbt Beteiligungen. Mit jedem Erfolg wächst seine Fähigkeit, das System zu verändern. Gleichzeitig wächst der Wert dessen, was die Veränderung ihn kosten könnte.
Am Anfang ist das Geld ein Werkzeug. Später trägt es Namen: die Mitarbeiter, die Familie, das Lebenswerk, die Altersvorsorge. Besitz entwickelt erstaunlich schnell eine Biografie, sobald er der eigene ist.
Die Überzeugung verschwindet dabei nicht. Sie erhält ein Risikoprofil.
Die Veränderung bleibt vorgesehen. Sie muss nur warten, bis das Unternehmen stabil, der Markt ruhig und der eigene Ausstieg verantwortbar ist. Drei Zustände, die den eigentümlichen Hang besitzen, niemals gleichzeitig einzutreten.
Der Kapitalismus muss seine Gegner nicht besiegen. Seine eleganteste Gegenrevolution heisst Beteiligung. Seine Immunantwort ist der Aufstieg: Wer gefährlich werden könnte, erhält etwas zu verlieren.
Von unten erscheint Eigentum als Macht. Von oben fühlt es sich wie Verantwortung an. Beides ist wahr. Die Reihenfolge dieser Einsichten besitzt dennoch einen gewissen Charme.
Wer die Regeln ablehnt, erhält selten Macht über ihre Anwendung. Wer diese Macht erhält, hat meist lange genug nach den Regeln gelebt, um ihren Fortbestand «Stabilität» zu nennen.
Der Kapitalismus kauft seine Gegner nicht. Er gibt ihnen einen Anteil an dem, was sie abschaffen wollten.
Der Erlöser als Grossaktionär
Der wirkungsvollste Gegner des Kapitalismus wäre daher kaum eine Person, die ausserhalb des Systems moralisch rein bleibt. Reinheit besitzt wenig Stimmrechte.
Es wäre jemand, der das Spiel gewinnt, ohne den Sieg für einen Beweis seiner Gerechtigkeit zu halten.
Er müsste Kapital akkumulieren, ohne seinen Selbstwert daran zu binden. Macht erwerben, ohne Privileg mit Verdienst zu verwechseln. Reich werden, ohne sich vom Reichtum die Vergangenheit neu erzählen zu lassen. Von den Regeln profitieren und sich dennoch daran erinnern, dass der eigene Vorteil kein Argument für ihre Richtigkeit ist.
Er müsste seine Anreize verraten, um seinen Idealen treu zu bleiben.
Armut allein macht noch keinen Erlöser. Auf Besitz zu verzichten, den man nie hatte, ist moralisch vergleichsweise günstig. Der moderne Erlöser wäre reich und gäbe etwas auf, das ihm tatsächlich gehört.
Er käme mit einer Mehrheitsbeteiligung.
Sein Wunder bestünde nicht darin, Geld zu vermehren. Das erledigt der Zinseszins ohne göttliche Hilfe. Das Wunder wäre, Macht zu besitzen und sie gegen den eigenen Vorteil einzusetzen.
Vielleicht ist gerade das so selten. Homo sapiens besitzt die rührende Fähigkeit, jede dauerhafte Belohnung irgendwann für verdient zu halten. Aus Erfolg wird Tugend, aus Vorteil Verantwortung, aus Besitz eine Weltanschauung. Seine Interessen ändern selten offen seine Überzeugungen. Sie verbessern nur deren Begründung.
Kreative Buchführung
Der Kapitalismus ist weder Erlösung noch Krankheit. Er ist ein Verfahren, das menschliche Interessen koordiniert und menschliche Machtunterschiede mitverarbeitet.
Seine Stärke liegt darin, Zusammenarbeit zu ermöglichen, ohne Tugend vorauszusetzen. Seine Schwäche liegt darin, dass aus gelungener Zusammenarbeit keine Tugend entsteht.
Seine Verteidiger buchen jeden Erfolg beim System und jeden Schaden beim Menschen. Seine Gegner führen dieselbe Rechnung mit vertauschten Vorzeichen. Beide halten ihre Bilanz für objektiv.
Homo sapiens hat eine Ordnung geschaffen, die aus Eigennutz Versorgung, aus Konkurrenz Erfindungen und aus Gier gelegentlich Wohlstand erzeugt. Dieselbe Ordnung macht aus Knappheit Macht, aus Macht Eigentum und aus Eigentum die Überzeugung, beides sei verdient.
Sie ist weder sein Feind noch sein Alibi. Sie ist sein Verhalten, sobald Wünsche Preise und Macht einen Kontostand bekommen.
Vielleicht beginnt ihre wirkungsvollste Veränderung bei einem Menschen, der im System erfolgreich wird und seinen Erfolg nicht zur Weltanschauung erhebt.
Reichtum zu verurteilen, solange man keinen besitzt, kostet wenig. Die eigentliche Prüfung beginnt bei einem Reichen, der aufhört, seinen Reichtum für ein Argument zu halten.
Das wäre die seltenste Niederlage des Kapitalismus: ein Gewinner, der den Sieg nicht für Recht hielt.