Telefonate sind für viele fester Bestandteil des Geschäftsalltags. Sie stehen für schnelle Absprachen, unmittelbare Kommunikation und rasche Problemlösung. Doch was, wenn das Telefon nie klingelt? Nicht aus Prinzip, sondern schlicht, weil es nicht kann?
Ich bin Unternehmer. Ich leite mein eigenes Unternehmen, arbeite mit Kunden und entwickle Lösungen. Aber ich telefoniere nicht. Nicht, weil ich nicht will, sondern weil ich nicht kann. Und trotzdem – oder gerade deswegen – habe ich Wege erschlossen, erfolgreich zu kommunizieren, oft sogar effektiver als andere.
Ein Weg voller Hürden
Mein beruflicher Werdegang begann mit einigen Hindernissen. Mein ADHS und meine Schwierigkeiten in der auditiven Wahrnehmung hielten zahlreiche Arbeitgeber davon ab, mich einzustellen. Sie konnten sich schlicht nicht vorstellen, jemanden zu engagieren, der den Telefonhörer nicht bedienen kann. Doch ich blieb beharrlich, suchte selbstständig nach Lösungen und fand eine Ausbildung als Mediengestalter in einem geschützten Rahmen, in der mein Potenzial erkannt wurde.
Nach meinem erfolgreichen Abschluss fand ich eine Anstellung in einem Hilfswerk – ein Ort, an dem meine Behinderung zwar nicht im Weg stand, ich mit meiner Karriere als Gestalter aber auch nicht vorankam. Also bildete ich mich kurze Zeit später zum Dipl. Industriedesigner weiter. Anschliessend unternahm ich mit zwei Kollegen den Versuch, eine Designagentur zu gründen. Wir verfolgten ambitionierte Ziele, doch nach zwei Jahren mussten wir einsehen, dass der Markt anspruchsvoller war als erwartet. Dieser Rückschlag fiel mir nicht leicht, doch ich hatte schon früh gelernt: Manchmal braucht es einen zweiten oder sogar dritten Anlauf.
Als ich arbeitslos wurde, brach zudem die Corona-Pandemie aus. Zahlreiche Branchen gerieten ins Straucheln, und ich wusste, dass meine Hörbeeinträchtigung mich bei Bewerbungsverfahren zum Aussenseiter machte. Also stellte ich mir die Frage: Entweder verbessere ich meine Chancen, oder ich bestreite meinen eigenen Weg. Da sich die äusseren Umstände nicht kontrollieren lassen, entschied ich mich für die Selbstständigkeit und gründete eine Einzelfirma für IT-Dienstleistungen – obwohl ich nie eine formale Ausbildung in diesem Bereich absolviert hatte. Doch meine langjährige Leidenschaft für Apple-Produkte offenbarte mir eine Marktlücke: Es fehlte an Apple-Spezialisten in der IT-Branche.
Einer meiner ersten grossen Aufträge führte mich in eine medizinische Praxis, die gezielt nach einem IT-Spezialisten mit Erfahrung in den Geräten suchte, die ich am besten beherrschte. Obwohl ich weder formale Zeugnisse noch Zertifikate vorweisen konnte, überzeugte ich durch meine Kompetenz.
Viele Vorteile, kleine Nachteile
Von Anfang an verliess ich mich auf schriftliche Kommunikation. Telefonate waren für mich nicht nur unmöglich, sondern auch ineffizient. Gerade in der IT erwies sich der Verzicht auf Anrufe als vorteilhaft – nicht nur für mich, sondern auch für meine Kunden.
Telefonate reissen einen aus der Konzentration heraus, erfordern unverzügliche Aufmerksamkeit und führen zu Missverständnissen, weil keine schriftliche Dokumentation vorliegt. Schriftliche Kommunikation hingegen gestattet es, komplexe Sachverhalte präzise, strukturiert und mit Grafiken angereichert auszubreiten. Kunden können die Informationen jederzeit nachlesen, was Rückfragen minimiert.
Eine weitere bedeutende Veränderung kam mit den Fortschritten in der Spracherkennung. Ich nutze zwar seit meiner Selbstständigkeit ein iPhone in Verbindung mit Sprache-zu-Text-Software, um Unterhaltungen zu transkribieren. Das erwies sich als hilfreich, doch oft musste ich beim Gespräch mit anderen ständig auf das Display schauen, was eine professionelle Unterhaltung mit Blickkontakt erschwerte. Ich sehnte mich nach einer diskreten Lösung, die es mir erlaubt, zugleich zuzuhören und mein Gegenüber im Auge zu behalten.
Sehen statt Hören
Anfangs setzte ich meine Hoffnungen auf Apple, doch deren Mixed-Reality-Headset «Vision Pro» war eher für den Unterhaltungsmarkt konzipiert. Die Google Glass verschwand, bevor sie ihr volles Potenzial entfalten konnte.
Umso grösser war die Freude, als kurz vor Weihnachten die «G1» von Even Realities auf meinem Tisch lag: eine Augmented-Reality-Brille, die sich von einer gewöhnlichen Brille nicht unterscheiden liess, mir jedoch Text unauffällig direkt vor die Augen projizierte. Das hob meine Arbeit mit Kunden auf ein völlig neues Niveau.
Erfolgreich ohne Telefon
Mein Erfolg belegt, dass ein Unternehmen auch ohne Telefon reibungslos funktionieren kann. Schriftbasierte Kommunikation, unterstützende Technologien wie Spracherkennung und AR-Brillen sowie aufgeschlossene Kunden ermöglichen dies.
Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Anruf unumgänglich ist – etwa wenn eine Hotline keinerlei Alternative anbietet. In diesen Fällen dienen mir die Gehörlosentelefonzentrale oder Transkriptionssoftware als Hilfsmittel. Doch das sind Ausnahmen.
Ich habe gelernt, dass man häufig umlernen muss, anstatt an alten Strukturen festzuhalten. Dass nicht ich derjenige bin, der andere behindert, sondern dass andere mich behindern – Menschen, die könnten, aber nicht wollen, während ich will, aber nicht kann. Dass Pessimisten nicht fähig sind, innovativ zu denken – und dass eine Einschränkung nicht bedeutet, Kompromisse eingehen zu müssen.
Heute ist meine Arbeit geprägt von Kreativität, Neugierde und Offenheit für neue Lösungsansätze. Mein Weg hat mir gezeigt, dass man selbstbestimmt, erfolgreich und glücklich sein kann, wenn man es wagt, seinen eigenen Weg zu gehen – auch ohne Telefon.
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